Achtern klar

„Mutig!“ oder: „ … Der macht das wirklich!“

Das sind die ersten Kommentare, die mir begegnen, als klar wird, dass ich mit einem Schiff um Europa segle, das ich praktisch nicht kenne – oder besser gesagt: seit genau einer Woche besitze. Meine Antwort darauf war so naiv wie ehrlich gemeint: „Den Mutigen gehört die Welt.“ Mit einem Augenzwinkern, versteht sich. Und heute, nach allem, was hinter uns liegt, kann ich sagen: Habe ich es bereut? Kein bisschen – keinen einzigen Moment!

Im Gegenteil. Das, was wir in diesen Wochen über die Princess Sophie gelernt haben, hätte man sich im Hafen niemals aneignen können – selbst mit bestem Support der Voreigner, denen hier wirklich ein großes Dankeschön gebührt. Immer erreichbar, immer ein offenes Ohr, immer schnelle und kompetente Hilfe. Aber echtes Verständnis entsteht eben nicht zwischen Steg und Landstromanschluss, sondern draußen, wenn Dinge passieren, wenn Systeme plötzlich ihren eigenen Kopf entwickeln und wenn Entscheidungen nicht theoretisch, sondern ganz praktisch getroffen werden müssen. Und genau darin lag die Stärke dieser Reise: Mit den richtigen Menschen an Bord wurde jedes Problem nicht zum Hindernis, sondern zur Aufgabe – und immer auch zur Lösung.

Zahlen, die erst beim zweiten Blick erzählen

Auf dem Papier sind es 3.253 Seemeilen, also etwas über 6.000 Kilometer, von Neustadt in Holstein bis nach Milazzo auf Sizilien. Zahlen, die sich nüchtern lesen – bis man beginnt, sie mit Erlebnissen zu füllen. Das längste Etmal lag bei 142 Seemeilen, das kürzeste bei 92,5 – Tage, die sich völlig unterschiedlich anfühlten und doch alle Teil einer Reise waren. Die schnellste gemessene Geschwindigkeit über Grund war 13,5 Knoten. (Das fühlt sich nicht nur schnell an!)

81 Tage und Nächte waren wir unterwegs. 81 Mal ging die Sonne auf, 81 Mal wieder unter. Davon 49 Tage auf See, der Rest in Häfen – Pausen, die manchmal nötig waren und manchmal fast zu kurz erschienen. Im Schnitt 66 Seemeilen pro Tag, mehr als ursprünglich geplant. Wir haben den Nullmeridian zweimal gekreuzt, acht Länder besucht, sieben Gastlands-Flaggen gesetzt und zehn verschiedene Crewmitglieder an Bord gehabt. Manche nur für ein paar Tage, einer für die gesamte Reise: Jürgen.

Dazu kommen 3.120 Liter Diesel, etwa 1.250 Seemeilen unter Motor, und 7.300 Liter Frischwasser. Zwei Vollmond- und Neumondphasen, eine Sonnenfinsternis – und fast jede Nacht ein Sternenhimmel, der einen daran erinnert, wie viel größer das alles eigentlich ist.

Ein Schiff verändert sich – und man selbst gleich mit

Die Princess Sophie ist heute nicht mehr die gleiche wie beim Ablegen. Und das liegt nicht nur an neue Schoten, Reffleinen, Bullenstander, AIS, Funkgeräte, einem Kartenplotter, USB-Anschlüssen am Steuerstand. Einm Dinghi mit Motor (danke Alex 😉), ein repariertes Horn (danke Jakob), der verstärkten Reling am Steuerhaus, durchdachten Details wie einer Wasseruhr zum kontrollierten Tanken.

Das Entscheidende ist etwas anderes: Wir verstehen dieses Schiff jetzt. Nicht vollständig, nicht perfekt – aber auf eine Art, die man sich nicht kaufen kann. Sondern nur erlebt.

Kleine Opfer für große Erfahrungen

Ganz ohne Spuren bleibt so eine Reise natürlich nicht. Eine Fingerkuppe, ein Fingernagel, ein geprelltes Steißbein, Kratzer an Armen und Beinen – und Muskelkater bei eigentlich allen. Nichts Dramatisches. Aber genug, um zu wissen, dass man nicht nur zugeschaut hat.

Es gab Verluste: zwei iPhones, eine Sonnenbrille – und ja, tatsächlich auch ein Dinghi. Und es gab eine ganze Liste an Dingen, die kaputtgingen oder zumindest beschlossen haben, eine Pause einzulegen: Dieselpumpen, Elektrik, Tiefenmesser, Funkgerät, Kühlschrank, Badeplattform. Ein Riss in der Genua nach einer unglücklichen Begegnung mit der Saling. Ein Stevenstag nach Kontakt mit einer Boje.

Dazu die Klassiker, die man nicht braucht, aber nie vergisst: Ein offenes Fenster bei Seegang (eine Woche Matratzen trocknen), Frischwasser in der Bilge, der Motorraum als unfreiwilliger Zusatztank beim Bunkern.

Alles Dinge, die im Moment nerven – und im Nachhinein genau das sind, was man gebraucht hat, um das System wirklich zu verstehen.

Und trotzdem: Fast alles richtig gemacht

Trotz dieser Liste bleibt das Fazit erstaunlich klar: Es lief. Und zwar gut. 

Kein einziger Sturm (wenn wir die 55 Knoten Wind im Hafen von Ponza kurz großzügig ausblenden). Keine Havarien, fast durchgehend saubere Hafen- und Ankermanöver, gute Winde, moderater Seegang und viele dieser Tage, an denen man einfach nur segelt und merkt, dass es passt. Fast täglich Delfine, eine Walsichtung im Mittelmeer, Robben und Seehunde im Norden, Schweinswale im Ärmelkanal – nur leider kein Orca, der uns näher kennenlernen wollte.

Kosy hat ihre Liebe zu Eichhörnchen gegen eine echte Begeisterung für Delfine eingetauscht und sich schneller an das Bordleben gewöhnt, als man es erwartet hätte. Die Fitness ist gestiegen, der Schlafmangel erstaunlich erträglich geblieben – und die Sicherheitskonzepte haben gehalten.

Und jetzt?

Erstmal Winterpause. Im Januar geht es weiter Richtung Griechenland. Ein neues Kapitel, ein neues Abenteuer. Und ganz sicher wieder ein Moment, in dem das Leben einen weiteren Gang einlegt. Bis dahin:

Stay tuned.