Reiseberichte

Etappe 1 – Vom Plan und der Realität

Vier Tage später als geplant, dafür um einige Erfahrungen reicher: Stürme, Generatorprobleme, ein zickiger Motor, 2.000 Liter steuerfreier Diesel, die erste Nacht auf der Nordsee und Häfen, die eigentlich gar nicht auf dem Plan standen.

Manchmal schreibt eben nicht der Skipper den Kurs – sondern Wind, Wetter und die Technik.

Warum Den Helder plötzlich wichtiger wurde als Scheveningen, weshalb Helgoland zum Tankparadies wurde und warum Dieppe der perfekte Ort zum Durchatmen ist – all das gibt's im Bericht zur ersten Etappe.

Der Weg ist das Abenteuer. Und das hat gerade erst begonnen.

Geschafft. Und wie so oft kam alles genau so, wie es kommen musste: aufregend, spannend, mal zu warm, mal zu kalt, herrlich, wundervoll – und natürlich auch anstrengend. Eine dieser Etappen, die man nicht plant, sondern erlebt.

Aber von vorne.

In Neustadt beginnt alles. Oder besser gesagt: Es sollte am ersten Juli beginnen. Das Wetter hatte jedoch andere Pläne, ebenso wie ein Generator, der sich weigerte, in ein geordnetes Arbeitsverhältnis einzutreten. Diverse letzte Reparaturversuche scheiterten charmant. Also: neuer Start am vierten Juli – leicht verspätet, aber immerhin voller Zuversicht.

Angesichts der Wetterlage und der angekündigten Stürme im Kattegat treffen wir eine Entscheidung, die sich später als goldrichtig erweisen sollte: Kurs auf Kiel und durch den Nord-Ostsee-Kanal. Rückblickend ein echter Glücksgriff – nicht nur wettertechnisch, sondern auch als sanfte Eingewöhnung für Mensch und Material.

Denn die ersten Meilen mit einem (für mich) neuen Schiff sind wie ein erstes Kennenlernen: Man tastet sich vorsichtig heran, entdeckt Eigenheiten – und kleine Macken. Schnell wird klar: Der Generator hat seinen eigenen Charakter, Teile am Rigg möchten ausgetauscht werden, und überhaupt scheint das Schiff uns freundlich darauf hinzuweisen, dass es noch etwas Zuwendung braucht. Unter Deck herrscht geschäftiges Treiben: Organisation läuft auf Hochtouren. Feuerlöscher und Rauchmelder werden installiert, Schränke seefest gemacht und alles bekommt langsam seinen Platz.

So erreichen wir Cuxhaven – sicher, zufrieden und mit dem Gefühl, dass sich langsam alles einspielt. Bereits hier werden wir von neugierigen Seehunden begrüßt, die uns mit ihren dunklen Knopfaugen beobachten, als wollten sie prüfen, ob wir für das Abenteuer auf der Nordsee überhaupt bereit sind.

Von dort geht es hinaus auf die offene Nordsee, mit Kurs auf Helgoland. Ein besonderer Moment: das erste Mal richtig draußen. Die Möwen begleiten uns ein gutes Stück, scheinbar immer auf der Suche nach einem kleinen Snack oder einfach aus purer Neugier. Und dann tauchen sie auf – die ersten Schweinswale. Nur für Sekunden durchbrechen ihre Rücken die Wasseroberfläche, bevor sie lautlos wieder verschwinden. Wer nicht aufmerksam ist, verpasst sie sofort. Gerade deshalb fühlt sich jede Sichtung wie ein kleines Geschenk an.

Helgoland empfängt uns mit rauem Charme – und noch mehr tierischen Bewohnern. Auf den Sandbänken rund um die Insel genießen Seehunde und Kegelrobben völlig unbeeindruckt von den Menschen die Sonne, während über uns die Möwen lautstark diskutieren, wem der nächste Fisch gehört. Wir hingegen beschäftigen uns mit deutlich profaneren Dingen: 2.000 Liter steuerfreier Diesel wandern in den Tank. Das Wetter zwingt uns zu zwei Tagen Pause, die wir nutzen, um die nächste Baustelle anzugehen: Der Generator braucht professionelle Hilfe. Also organisieren wir eine Reparatur in den Niederlanden, unserem nächsten Ziel.

Mit halbem Wind aus Nordwest segeln wir los – zwei Tage und eine Nacht. Eigentlich soll es bis Scheveningen gehen. Doch kurz vor Den Helder meldet sich der Motor mit einem nervösen Eigenleben zurück. Ein leichtes Zittern geht durch die Crew – und das Schiff. Die Frage steht im Raum: Schaffen wir es noch in den Hafen?

Wir entscheiden uns für Den Helder. Sicher ist sicher. Und manchmal ist „Plan B“ einfach die bessere Geschichte.

Drei Tage später geht es weiter nach Scheveningen. Dort tritt Paul auf den Plan – eine Art maritimer Zauberer –, der Motor und Generator wieder zum Leben erweckt. Ein Moment, der sich fast wie ein kleiner Neustart anfühlt.

Der nächste Schlag ist ambitioniert: bis Le Havre. Ein voller Segeltag, eine ruhige Nacht – alles läuft rund. Wieder begleiten uns Möwen, und draußen auf der offenen Nordsee zeigen sich immer wieder Schweinswale. Sie scheinen das Schiff für einen kurzen Moment zu begleiten, bevor sie lautlos in der Weite verschwinden. Solche Begegnungen erinnern daran, dass wir hier nur Gäste sind.

Am Morgen des zweiten Tages dann: Flaute. Absolute Ruhe. Das Meer wird glatt wie Glas, und wir wechseln vom Segel in den Motorbetrieb. So erreichen wir schließlich Dieppe in der Normandie. Kurz vor der französischen Küste zeigt sich sogar noch einmal ein Schweinswal – fast so, als wolle er uns im Ärmelkanal willkommen heißen.

Dieppe ist ein kleines, wunderschönes, über tausend Jahre altes Städtchen mit viel Charme und Geschichte. Ein Ort, der sich anfühlt, als hätte er Zeit im Überfluss.

Hier endet die erste Etappe.

Eine Woche Pause – zum Durchatmen, Reparieren, Wäsche waschen, Vorräte auffüllen und all die Erlebnisse sacken zu lassen. Denn eines ist schon jetzt klar: Die Reise ist noch jung, aber sie hat längst begonnen, ihre eigenen Geschichten zu schreiben.