Es ruckelt, wenn das Leben in den nächsten Gang schaltet. Sagt man so schön. Und selten hat es sich so wörtlich angefühlt wie hier.
Eine Stunde vorher noch standen wir quasi auf der Stelle. Strom von vorne, von der Seite, wahrscheinlich auch noch irgendwo heimlich von unten – und am Ende bleiben 2,3 Knoten über Grund. Das ist nicht Fahrt, das ist eine philosophische Haltung. Die Straße von Gibraltar fragt in solchen Momenten nicht, ob man durch will. Sie fragt, wie sehr. Und dann, fast ohne Vorwarnung, dreht sich das Ganze. Die Einfahrt ins Mittelmeer wird plötzlich zum Gegenteil: 7 Knoten, surfend, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. 03:28. Ein kurzer Augenblick. Ein sauberer Übergang. Ein neuer Gang.
Hinter uns liegen inzwischen rund 1.892 Seemeilen – eine Strecke, die sich auf der Karte erstaunlich harmlos ausnimmt, in Wirklichkeit aber ziemlich viel Leben enthält. Von der Ostsee durch den Nordostseekanal, weiter durch den Englischen Kanal, hinaus in den Atlantik und jetzt hierher. Ein klarer Strich um Europa herum, gezogen mit Wind, Wasser und einer gewissen Portion Sturheit.
Das Erstaunliche daran: etwa 1.236 Seemeilen unter Segel, und das ohne große Stürme, ohne diese epischen Wellen, von denen man später mit Pathos erzählt. Fast ein bisschen zu gnädig, die See. Fast, als hätte sie uns einfach passieren lassen.
Ein kleines Opfer wollte sie dann aber doch: Ein Riss in der Genua. Nichts Dramatisches, eher so ein leiser Hinweis darauf, dass hier draußen immer jemand mitschreibt. Wird jetzt in Gibraltar wieder ordentlich zusammengenäht. Gehört dazu. Wie ein Kratzer im Lack oder Salz, das sich in jede Ritze legt.
Und dann war da noch Porto.
Ich kam auf die ausgesprochen kluge Idee, unseren Freund Jan bei zwei Meter Schwell direkt vom Strand abzuholen. Warum einfach, wenn es auch elegant gefährlich geht. Also rein mit dem Beiboot, auflandiger Wind, Brandung, Timing nach Gefühl und Hoffnung. Anlanden hat funktioniert. Mehr oder weniger kontrolliert. Fast kopfüber ebenfalls – was der Sache einen gewissen Unterhaltungswert verlieh – und genau als der Mond die Sonne komplett verdeckte und der Strand voller Schaulustigen war. Großes Kino für jeden Geschmack.
Beim Versuch, wieder vom Strand wegzukommen, hat sich dann vermutlich mein Telefon verabschiedet. Ich habe es erst bemerkt, als ich wieder zurück bei der vor Porto geankerten Princess Sophie war. Und das war wahrscheinlich mein Glück. Denn hätte ich es früher gemerkt, wäre ich ziemlich sicher noch hinterhergetaucht – bei genau diesen Bedingungen. Und dann hätte diese Geschichte jetzt vielleicht einen anderen Ton. Oder gar keinen mehr.
So bleibt es bei einer einfachen Erkenntnis, die auf See plötzlich sehr klar wird: Man kann nicht alles festhalten. Nicht mal die Dinge, von denen man glaubt, sie immer dabei haben zu müssen. Aber genau dadurch bleiben manchmal die wichtigen Dinge übrig.
Und jetzt?
Mittelmeer. Ein neuer Abschnitt, der sich nicht ankündigt, sondern einfach passiert.
Und irgendwo da draußen wartet schon der nächste Gang.

